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September 02 2015

10:45
10:41

Sexuelle Gewalt als Herrschaftsinstrument

Du sitzt in einer Runde, schaust in die Gesichter. Lachende, nachdenkliche, aussagelose, deprimierte, lächelnde, traurige, entspannte Gesichter. Eine Fülle von Emotionen. Die Emotionen wechseln, wenn sich die Menschen unbeobachtet fühlen. Aus der Fröhlichkeit wird Leere, aus dem Lachen wird Zurückgezogenheit. Schau in die Runde: Jedes 3. Mädchen, jeder 5. Junge hat in der Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Die meisten in der Familie oder im engeren sozialen Umfeld.

Überlebende sexueller Gewalt kann es mit viel therapeutischer Hilfe und in einem fördernden sozialen Umfeld gelingen, trotz alledem ein gutes Leben zu führen. Gefühle, die abgekoppelt wurden, weil sie damals das Überleben verunmöglicht hätten, können wieder lebendig werden. Ein gutes Leben ist möglich.

Vom Opfer zur Regisseur_in

Die Spuren sexueller Gewalt sind in Deinen Körper eingeschrieben und gehen genauso wenig weg wie die Augen- oder Haarfarbe. Farbige Linsen oder Farbe vom Friseur helfen, doch unter der Oberfläche bleibt das, was in der Kindheit internalisiert wurde: Deine körperliche und sexuelle Integrität ist inexistent, Du kannst über Dich, Deinen Körper, Dein Leben, Deine Gefühle nicht bestimmen, Du musst ständig verfügbar sein, Du musst immer gefallen, Du kannst noch so gut sein, Du bist nichts wert, andere sind ein geliebtes und gewolltes Kind Gottes, Du bist es nicht.

Und schuld bist sowieso Du. Denn vielleicht hast Du nicht „Nein“ sagen können, denn vielleicht hat Dein Körper mit sexueller Erregung reagiert, denn vielleicht wurde es Dir immer wieder gesagt. Und in all Deinen wirren Emotionen, die Du ja gar nicht haben durftest und wolltest, hast Du Dir später immer wieder geschadet. Du hast die Situationen der Ausgeliefertheit wiederholt und vielleicht nicht nur Dich, sondern sogar andere Menschen verletzt und gedemütigt.

Heute weißt Du im Kopf, dass Du nicht schuld bist, dass Du ein Kind warst und gar nicht anders reagieren hättest können. Und hast vielleicht sogar Menschen gefunden, die Dir sagen und zeigen, dass Du wertvoll und geliebt bist - aber es ist ein langer, widersprüchlicher und harter Prozess, dass das, was Du rational weißt, emotional im Bauch ankommt, dass neue positive Spuren in Deinem Körper sich entwickeln, wirksam, internalisiert werden können. Dieser Prozess ist ohne professioneller Hilfe nicht oder sehr schwer möglich. Wenn Du Dich auf diesen Prozess einlässt, wird Du vom ausgelieferten Opfer zur Regisseur_in, zur Gestalter_in Deines Lebens. Du kannst Dich dafür entscheiden, die destruktiven Verhaltensmuster, die Dir „Deine Täter_innen“ gelernt haben, abzulegen und neue Verhaltensmuster entwickelt. Sei liebevoll dabei zu Dir selbst, Du bist nicht schuld, wenn Du dabei Rückschläge erleidest. Wer kämpf kann immer wieder auch verlieren und dann wieder aufstehen, wer nicht kämpft hat schon verloren und die Täter_innen haben erreicht was sie wollten: grenzenlose, gierige, rücksichtslose Macht über Dich, Deinen Körper, Deine Lust, Dein Leben.

Das System sexuelle Gewalt

Bis vor einigen Jahren war medial sexuelle Gewalt mit dem „Mann hinter dem Busch“, vor dem alle Kinder gewarnt wurden, verkoppelt. Ja, auch das gibt es. Aber es ist nicht alles.

Mittlerweile ist in der Öffentlichkeit angekommen, dass sexuelle Gewalt in Institutionen, in Heimen, in Internaten, in den Kirchen, …. ganz und gäbe war und womöglich auch noch ist. Die Institutionen der Herrschaft ermöglichen es, dass Kinder als blosse Objekte gesehen werden und sie zum Spielball der Macht werden. Autoritäts- und Abhängigkeitsverhältnisse und kollektives Wegschauen des Umfelds sind die Basis dafür, dass Kinder zu Opfern werden. Ja, auch das gibt es. Aber es ist nicht alles.

Weitaus die meisten betroffenen Kinder und Jugendlichen erfahren sexuelle Gewalt in der Familie oder im engeren Freundes- oder Bekanntenkreis. Obwohl die Dunkelziffer so hoch ist wie bei kaum einem anderen Verbrechen, sind die empirischen Fakten dazu sehr klar. Auch wenn es bröckelt, massenmedial wird dieses Faktum noch immer fast verschwiegen, im kollektiven Bewusstsein ist es noch lange nicht angekommen.

Das hat System. Denn die „Familie als Keimzelle des Staates“ darf nicht in Frage gestellt werden. Ja, es ist sogar – so sehr auch Lebensformen und Geschlechterverhältnisse in Bewegung sind – so, dass die sich verschärfende Konkurrenz in der Arbeitswelt den Rückzug in die Familie fördert, sie wird zum einzigen Ort stilisiert, wo es möglich sei, Mensch und nicht „Humankapital“ zu sein. Für jedes 3. Mädchen und jeden 5. Jungen ist die Familie kein sicherer Ort - im Gegenteil.

Es hat aber genauso System, wie mit den Täter_innen umgegangen wird. Einzelne Täter, sehr selten einzelne Täterinnen, werden medial gesteinigt, kastriert und defacto zum Tode verurteilt. Der Mob will wegsperren, wegschließen, sich letztlich selbst verschließen vor der Ungeheuerlichkeit. Das dahinterstehende System sexueller Gewalt in seiner grauenhaften Dimension und Wirkmächtigkeit in der Gesellschaft wird nicht hinterfragt.

Es gibt zwei Arten von Täter_innen. Es gibt Menschen, die pädophil veranlagt sind und sexuelle Lust nur mit Kindern empfinden können. Mit Projekten wie „Kein Täter werden“ in Berlin könnte diesen Menschen geholfen werden, ihre Veranlagung nicht destruktiv an Kindern auszuleben. Dafür stehen aber kaum öffentliche finanzielle Mittel zur Verfügung, um solche präventiven Angebote auszubauen. In Österreich ist mir nicht mal ein solches Projekt bekannt.

Der größere Teil der Täter_innen ist nicht pädophil veranlagt, sondern in der oftmals wiederholten sexuellen Gewalt geht es letzlich nicht um Sexualität, sondern um Macht. Jedem Menschen kommt die Verantwortung zu, die Kette der Gewalt individuell zu durchbrechen. Doch der Gesellschaft käme die Verantwortung zu, Strukturen zu entwickeln, die Menschen und ganz besonders Kinder - als die Schwächsten in der Gesellschaft - nicht zu Objekten werden lassen. Das Gegenteil ist der Fall: Konkurrenz, soziale Unsicherheit, Zukunftsängste, Demütigungen am Arbeitsplatz und struktureller Rassismus verschärfen sich und die mühsam erkämpfte ökonomische Unabhängigkeit der Frauen als Vorraussetzung für eine selbstbestimmtes Leben wird immer bröckeliger.

Ins Bild passt, dass Psychotherapieangebote für Opfer sexueller Gewalt völlig unzureichend sind. Eine Schachtel Antidepressiva ist leicht zu bekommen, auf einen kostenfreien Einzeltherapieplatz ist in Oberösterreich mehr als ein Jahr zu warten. Die medialen Beteuerungen, dass für die Opfer soviel getan würde sind leer angesichts der Fakten. Einzig die Kirchen waren aufgrund des medialen Drucks genötigt ernsthafte Schritte im Interesse der Opfer zu setzen.

Die Ohnmacht der Opfer

Dass jedes 3. Mädchen und jeder 5. Junge Opfer sexueller Gewalt wird, führt zu einer Gesellschaft zutiefst verunsicherter Menschen, die ihren eigenen Wert nicht oder nur schwer erkennen. Sie passen sich an, sie wollen gefallen, sie weichen der Konfrontation mit den Herrschenden aus. Sie sind oftmals so sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass der Blick über den Tellerrand schwer ist. Sich selbst wichtig zu nehmen ist alleine schon schwer genug. Sie suchen ihr Heil im Konsum, der im Neoliberalismus favourisierten Form der Individualisierung. Vielleicht besser als Abhängigkeiten und Suchtverhalten. Aber: Sie bleiben Opfer, sie stigmatisieren sich unbewusst selbst, sie sind willfährige Objekte subtiler Machtverhältnisse in der Gesellschaft.

Schritte der Emanzipation

Cardijn, der bekannte belgische Arbeiterpriester und Begründer der Katholischen Arbeiter_innen-Bewegung, hat Ende des 19. Jahrhunderts gesagt: „Jeder Arbeiter, jede Arbeiterin ist mehr wert als alles Gold dieser Welt“.

Du bist mehr wert als alles Gold dieser Welt. Du hast das Recht auf ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Du kannst Dich von „Deinen Täter_innen“ verabschieden, Du kannst Regisseur_in Deines Lebens werden. Du hast das Recht auf jede therapeutische, medizinische oder soziale Hilfe, die Du brauchst. Du darfst wütend sein, auf die Täter_innen, auf die schweigenden Zuschauer_innen und dass die Verhältnisse so sind wie sie sind und dass Du Opfer dieser Verhältnisse geworden bist. Du forderst zu Recht, dass die Verhältnisse sich ändern und die Gesellschaft präventiv dafür sorgt, dass es keine weiteren Opfer mehr gibt.

Du darfst Dich empören, Du darfst schreien, Du darfst traurig sein. Alles, was Du früher nicht nicht konntest, weil Du überleben wolltest. Du bist stark. Du wirst noch stärker. Du darfst lachen, Du darfst glücklich sein, Du darfst Dein Leben, Deinen Körper, Deine Sexualität, die Zuwendung und Liebe der Menschen rund um Dich genießen. Du kannst kämpfen. Du kannst verlieren. Du kannst die Ohnmacht überwinden und Macht erringen.
Du musst das alles nicht alleine tun. Wir können es gemeinsam tun, gemeinsam lachen und weinen, gemeinsam die Tiefe der Gefühle entdecken. Denn gemeinsam können wir so mächtig werden, dass sexuelle Gewalt als Herrschaft ein Ende hat. Es gibt dem Leben Sinn.

Geschrieben am 3. August 2015 in Liebenau.
Veröffentlicht in Solidarwerkstatt-Blatt 3/2015.

PS: Die Kommentare sind deaktiviert, weil ich technisch ein Spam-Problem habe im Blog. Darum mag ich mich aber aktuell nicht kümmern. Falls mir wer Feedback geben mag, möge er_sie einen der anderen Wege nutzen.

April 22 2015

09:18
08:21

Mehr als ein Jahr

Mehr als ein Jahr war ich kaum online. Gestern hatte ich Geburtstag und angesichts der vielen lieben Wünsche auf Facebook habe ich folgendes gepostet:

An meinem letzten Geburtstag konnte ich auf die Facebook-Messages nicht mal reagieren - und auch keine richtige Freude spüren, dass da jemand an mich denkt. Das hat sich geändert und ich weiss, es ist ein großer Schritt für mich: das Wieder-Freuen-Können und das Öffentlichmachen, was Sache ist, warum ich mich so sehr zurückgezogen habe.

Ich möchte der Facebook-Message noch ein Stückchen Theologie hinzufügen. Wer damit nichts anfangen kann, möge es überlesen. Aber für mich ist es so, dass manch religiöse Gehalte etwas viel viel besser auf den Punkt bringen können als alle anderen Worte.


Depressionen. Karfreitag.
Tiefste Verzweiflung. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?
Innerliches Sterben. Jesus ist auch nicht sofort gestorben, sondern über Stunden elendig verreckt.
Zuschauen wie die Kräutertöpfe am Fensterbrett vertrocknen, aber nicht aufstehen können und ihnen Wasser geben. Kein neues Leben. Keine Hoffnung.
Nicht wissen, ob es ein morgen gibt. Nicht verstehen können.
Nichts mehr machen können. Ausgeliefert. Gedemütigt. Opfer.
Heimlich die Arbeits-Emails noch immer lesen.
Schlechtes Gewissen, dass die Arbeit jetzt die KollegInnen machen müssen.
Ich muss mir auf die Antidepressiva-Schachtel draufschreiben, ob ich die Tabletten schon genommen habe, weil ich mir nicht mal mehr das merken kann.
Wieder sind 900 Menschen im Mittelmeer elendig ersoffen. Mein Gott, warum hast du sie verlassen?
Über Monate lernen, es anzunehmen, dass es so ist.
Ich kann nicht mehr, ich bin krank, ich brauche Hilfe.

Depressionen. Karsamstag.
Ein langer Karsamstag. Ein Jahr lang Karsamstag.
Wissen, dass es immer wieder Karfreitage und Karsamstage in meinem Leben gab und ich diese verdrängt habe und sie mir nicht erlaubt habe. "Es wird schon irgendwie gehen". Jetzt geht es nicht mehr irgendwie.
Körperliche Schmerzen, psychosomatische Symptome, jede Woche andere, alle einschränkend und hemmend.
Keine Gewissheit, alles ist offen.
Gott? Ich weiss nicht. Die anderen sind geliebte Kinder Gottes. Aber ich?
Alles ist von der Vergangenheit determiniert und der Stein ist zu schwer, um wegzurollen.
Vereinzelung. Einsamkeit. Angst vor Menschen und der Wunsch nach Kontakt mit Freund_innen.
Auf der GKK beim Chefarzt im Wartezimmer sitzen und an alles Schlechte dieser Welt denken, damit ich dann möglichst krank ausschaue. Weil ich weiss, ich schaffe es noch nicht wieder zu arbeiten und will wenigstens diesen zeitlichen Freiraum haben, wenn ich sonst schon nichts habe.
Langsam lernen wieder ein bisschen Freude zu empfinden: die Sonne spüren, das Nähen lernen und endlich wieder was mit meinen Händen machen, im Wasser plantschen und mich endlich für zwei Minuten wieder lebendig fühlen.
Doch noch geht nicht alles. Eigentlich nur sehr wenig. Ja, ich habe mir heute was Gutes zum Essen gemacht und es hat mir geschmeckt. Geduld. Geduld. Geduld. Wann endlich? Ich will es doch. Es geht nicht.

Depressionen. Auferstehung.
Nein, sie ist nicht einfach so da, die Auferstehung.
Das Leben ist nie fertig, sondern ein langer Prozess.
Ich möchte mein Leben so leben, dass ich im Moment meines Todes in die Hoffnung der Auferstehung sinken kann.
Ich möchte mein Leben so leben, dass ich jeden Tag diesen Horizont der Aufstehung spüren kann.
Ich möchte mein Leben so leben, dass auch andere Menschen diesen Horizont erahnen können, wenn sie mir begegnen.
Manchmal ist er schon da dieser Horizont der Auferstehung. So wie gestern, wo ich mutig genug war, auf Facebook zu schreiben, was Sache ist mit mir und was mich trägt.
Der Horizont ist da, wenn ich endlich wieder in meinem Körper sein kann, wenn ich Körper bin, wenn ich ganz bin.
Manchmal frage ich mich, warum schon wieder Karfreitag, warum schon wieder Karsamstag? Aber ich kann wenigstens den Schmerz und die Erniedrigung des Karfreitag spüren. Im Spüren-Können wird zwischen all den ungeweinten Tränen etwas sichtbar, was Sinn gibt, was ich Gott nenne.


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PS: Die Kommentare sind deaktiviert, weil ich technisch ein Spam-Problem habe im Blog. Darum mag ich mich aber aktuell nicht kümmern. Falls mir wer Feedback geben mag, möge er_sie einen der anderen Wege nutzen. Ich bin aber sicherlich jetzt nicht ständig wieder online, das ist nicht gut für mich, und es kann mit Antworten etwas dauern.

April 17 2015

15:23

April 09 2014

20:31

December 20 2013

23:19
23:19
22:56

Religion ist eine Ressource für Gerechtigkeit

Für das Blog des Bayrischen Rundfunks Woran glauben? Götter, Quanten, Wirtschaftswachstum habe ich einen Text geschrieben. Im Unterschied zu Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno Stiftung vertrete darin ich die Meinung, dass Religion eine Sinn-Ressource ist, die einen Beitrag für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt leisten kann.

Da geht es lang zum ganzen Text. Dieses Projekt als solches ist sehr spannend, denn da soll aus verschiedenen Beiträgen rund ums Thema Glauben ein Film entstehen. Die Macher_innen freuen sich auf Input!

Foto: Flickr CC by-nc-sa Wolfgang Sterneck

Tags: Thelogie

December 13 2013

19:04
19:04
18:39

Was ist übrig geblieben von Weihnachten?

christmasNeuerdings in einer vertrauten Runde: Alle, alle ohne Ausnahme, haben Stress mit Weihnachten. Die einen würden am liebsten weit weg auf Urlaub fahren. Wer anderer switcht am Heiligabend zwischen zwei verfeindeten "Familien" und kann es niemand recht machen. Und die nächste spürt zu Weihnachten besonders intensiv die Einsamkeit. Der Druck auf traute Familie zu machen, kostet unendlich viel Energie. Alle sind gestresst, niemand redet darüber wie es ihr oder ihm wirklich geht.

Was ist da passiert? Ich glaube viel mehr als nur der sowieso offensichtliche Konsumwahn. Die eigentliche Message von Weihnachten kommt nicht mehr an. Kein Platz für Gott, der Mensch geworden ist, nichts Tragendes mehr und die Erinnerungen die Kindheit werden mit der Distanz der Erwachsenen auch immer weniger verklärt. Es wirkt nur noch der Druck etwas heil darzustellen, dass nicht heil ist.

Was ist das, dass so viele Menschen froh wären, wenn der 24. und 25. Dezember Tage wie alle anderen wären? Millionen Menschen weltweit sind Christ_innen - und so wenig hilft diese gute Botschaft zum guten Leben, ja ihre Traditionen machen es Menschen sogar noch schwerer gut zu leben.

Nachdenklich ....

Foto: Flickr CC by-nc-nd rageforst

Tags: Theologie

December 08 2013

11:40
11:40
11:31

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt

Heute habe ich angesichts des Marienfeiertags auf Facebook wieder mal ein paar polemische Kommentare zum Thema Erbsünde gelesen. Ja, dieser Begriff ist heute mehr als missverständlich. Viel zu lange wurde Sünde vor allem als sexuelle Verfehlung missverstanden - und in diesem Kontext wäre aufeinmal unser bloßes Geborensein, dass ja einen Sexualakt der Eltern voraussetzt, eine Sünde. Was für eine negative Sicht des Menschseins, wenn das so reduziert wird!

Dem möchte ich eine andere Sicht der Rede von Erbsünde entgegenhalten. Diese halte ich für durchaus beachtenswert:

Unter Erbsünde verstehe ich auch, dass wir in eine Welt geboren sind, die nicht perfekt ist. Im Gegenteil: Wir leben in "ererbten" Strukturen der Ungerechtigkeit und es ist selbst bei bestem Willen nicht immer möglich nicht zu strukturellen Mittäterin zu werden. Mit jeder Autofahrt, mit jedem Billigeinkauf, ja, mit jeder versäumten Protestaktion mache ich mit mitschuldig am Leid in dieser Welt.

Irgendwie finde ich, dass dieses bekannte Video der Ärzte zum Thema passt: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist, es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt"

Tags: Theologie

November 20 2013

19:56
19:56
18:06

Blockstöckchen aufgenommen - Gespräch von Blog zu Blog

Andrea Rehn-Laryea, die ich schon lange von Twitter kenne und bei Kirchehoch2 auch Face2Face getroffen habe, schickt mir ein Blogstöckchen. Da will ich mal antworten, denn:

Ein Blog sollte nicht nur der Information sondern auch der Kommunikation dienen. Vernetzung lautet das Zauberwort. Eine Möglichkeit, mit anderen Blogschreiberinnen und -schreibern in Austausch zu kommen, ist es, sich in der Art von Kettenbriefen gegenseitig Fragen zu stellen und um Beantwortung zu bitten, „Blogstöckchen“ genannt.

Die Fragen:

1. Kirche/Religion im Urlaub: Besuchst du Kirchen/Gotteshäuser, Gottesdienste oder kirchliche/religiöse Veranstaltungen und warum bzw. warum eher nicht, niemals?
2. Mit welcher biblischen Person würdest du dich gerne mal unterhalten und worüber?
3. Eine Flut von Adventskalendern bricht demnächst über uns ein. Was für einen bevorzugst du: online, per Mail, mit Schoki & Co, gekauft oder selbstgemacht, gar keinen, ...?
4. Wie feierst du am liebsten Weihnachten: in der Familie, mit Freund_inn_en, alleine, auf einer Feier für und mit Einsamen und/oder Obdachlosen, im Kloster, ruhig oder Party, bei der Arbeit, ...?
5. Welches ist nach deiner Meinung die größte Herausforderung für die Kirchen in den nächsten Jahren?

Und meine Antworten:

1. Kirche/Religion im Urlaub: Besuchst du Kirchen/Gotteshäuser, Gottesdienste oder kirchliche/religiöse Veranstaltungen und warum bzw. warum eher nicht, niemals?

Ja, ich besuche gerne Kirchen im Urlaub. Nicht nur, aber auch. Da mag ich besonders, wenn ich mich mit Weihwasser und einem Kreuzerl auf das Betreten eines besonderen Ortes einstimmen kann. Manchmal ist es gut dort nach einem anstrengenden Rundgang in einer Stadt eine Auszeit verbringen zu können und ich mich hinsetzen kann und eine Weile die Ruhe genießen. Manchmal schaue ich mir auch die Kunstschätze näher an, in Barockkirchen ärgere ich mich dann aber meist über den Prunk und das damit verbundene Kirchenbild der Gegenreformation. Auch Gottesdienste habe ich schon besucht. Das aber nicht so oft: Einerseits weil oft die Informationen im Internet so mangelhaft sind, dass ich mir da kein Bild vorab machen kann, wann mich was erwartet, andererseits weil ich ja nicht überall die Sprache verstehe. Eine katholische Messe hat zwar den Vorteil, dass der Ablauf weltweit überall gleich oder zumindest ähnlich ist, aber selbst in Sant'Egido in Rom ist mir bei der Predigt auf Italienisch etwas fad geworden. In schöner Erinnerung habe ich den Gottesdienst am heiligen Abend in Assisi. Aber auch da habe ich nichts verstanden ;-)

Santo Stefano, AssisiSanto Stefano, Assisi

2. Mit welcher biblischen Person würdest du dich gerne mal unterhalten und worüber?

Mit Maria, der Mutter Jesu. Dorothee Sölle interpretiert diese Frau ja durchaus als subversiv. Sie hatte den Mut sich gegen alle Konventionen ihrer Zeit zu stellen. Das Magnificat ist ja Ausdruck dafür. Ja, von Maria könnte ich viel lernen, glaube ich.

3. Eine Flut von Adventskalendern bricht demnächst über uns ein. Was für einen bevorzugst du: online, per Mail, mit Schoki & Co, gekauft oder selbstgemacht, gar keinen, ...?

Ich finde die Flut echt furchtbar und die Kommerzialisierung noch mehr. Ich freue mich auf das neue Adventkalender-Projekt der Katholischen Jugend OÖ auf Facebook, wo ich schon ein klein bisserl reinschnuppern durfte (mehr dazu bei Zeiten auf http://kirche20.at). Und gegen Schokolade habe ich auch nichts. Nie!

4. Wie feierst du am liebsten Weihnachten: in der Familie, mit Freund_inn_en, alleine, auf einer Feier für und mit Einsamen und/oder Obdachlosen, im Kloster, ruhig oder Party, bei der Arbeit, ...?

Am liebsten fahre ich weg über Weihnachten. Es ist dann ein bisschen ein Flucht vor all dem Trubel und durch die andere Umgebung kann ich die adventlichen und weihnachtlichen Elemente mehr geniessen. Sogar die geschmückten Palmen auf Kuba waren da gar nicht mehr kitschig.
Heuer wird es aber ein ruhiges Weihnachten zu Hause mit meinem Freund und einem Besuch meiner Mama werden, hoffentlich mit selbstgemachten Keksen und einem Mitfeiern der Mette. Auch gut.

5. Welches ist nach deiner Meinung die größte Herausforderung für die Kirchen in den nächsten Jahren?

Big Question! Es hängt wohl alles an der Frage, ob es Kirche gelingt Pluralität positiv wahrzunehmen und das Evangelium in unterschiedlichen Kontexten für Menschen neu spürbar werden zu lassen. Kann sich diese alte, gewachsene Institution vom "Denken und Sprechen, Fragen und Dasein der Menschen" (Klaus Hemmerle) her ein Stück weit neu erfinden und damit auch das Feuer neu entfachen - oder gibt es weiter "more of the same", das für viele Menschen einfach keine biografische Relevanz mehr hat? Ich finde jedenfalls wir leben in spannenden Zeiten für die Kirche!

Und nun darf ich fünf Fragen formulieren und an andere Blogger_innen weiterreichen:

1. Jede/r braucht mal eine Auszeit. Wann sind bei Dir die digitalen Gadgets bewusst off? Oder gibt es das nicht?
2. Wie hast Du Dir dein Leben in Deinem jetztigen Lebensalter vorgestellt als Du 13, 14, 15, mitten in der Pubertät, warst?
3. Die Kirche stellt Dich für ein Jahr an und Du kannst machen, was Du ganz persönlich ganz, ganz wichtig findest. Was würdest Du tun?
4. Was sind Deine Ressourcen um den Gedanken an die in Auschwitz und Mauthausen ermordeten Menschen oder an Kinder, die heute verhungern, auszuhalten?
5. Du bekommst € 100.000 mit der Auflage das Geld für soziale, politische oder kulturelle Zwecke zu verwenden. Wo investierst du?

Weitergeben möchte ich das Blogstöckchen an:

Maria Herrmann | tomatedesign
Antje Schrupp | Aus Liebe zur Freiheit
Brigitte Theißl | Denkwerkstatt
Helmut Ausserwöger | Ausserwoeger's Blog (weil Du zwar selten, aber dann immer voll klasse bloggst)
Hans Christian Voigt | Kellerabteil

Wer die Fragen beantwortet hat, kann selbst neue Fragen formulieren und das Blog-Stöckchen an andere weiterwerfen. Ich bin schon gespannt, was da rauskommt!

November 19 2013

17:34
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