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17:00

Religion, Ethik, Öffentlichkeit in mehr als 140 Zeichen

Heute ist wieder mal eine kleine Hin- und Her-Twitterei über Religion ausgebrochen. Mein Resümee war dann, dass das, was dort inhaltlich verhandelt wird, einfach den Rahmen sprengt, den 140 Zeichen so vorgeben. @digiom hat vorgeschlagen, ich möge doch mal drüber bloggen. Also tue ich das, auch wenn ich mir eigentlich denke, dass auch ein Blogpost viel zu wenig ist für die komplexe Materie. Wenn ich das so biografisch bedenke, dann stelle ich fest, dass ich - um das Verhältnis Religion - Gesellschaft und meine eigene Position da drin irgendwie klar zu kriegen, mindestens ein ganzes Theologiestudium gebraucht habe und eigentlich da selbst noch immer mehr Fragen als Antworten habe. Ja, aber so ist das halt, ich bin sowieso keine Freundin von vorschnellen und allzu fixen Antworten. Meine Motiviation überhaupt Theologie zu studieren, liegt tief da drin vergraben in diesem Thema.

Religion und Ethik

Das erste Thema (und sogar das noch einfachere), das immer wieder auftaucht auf Twitter ist, dass Christ_innen allen Nicht-Christ_innen unterstellen würden, sie hätten keine Werte und keine Ethik. Das ist natürlich ein ausgemachter Blödsinn und eigentlich etwas das seit mindestens 100 Jahren philosophisch völlig klar ist. Gott braucht es nicht, um ethisch gutes Verhalten zu rechtfertigen, dafür reicht die Vernunft der Menschen aus. Dass sich diese aber noch nicht wirklich durchgesetzt hat, dafür reicht ein Blick auf die Schlagzeilen der Nachrichten.
Menschen haben aber, oft biografisch begründet, sehr unterschiedliche Quellen wie sie zu ihren Werten kommen. Da kann der Glaube an Gott eine Quelle dafür sein, genauso wie die Sozialisiation in der Herkunftsfamilie und das ganze gesellschaftliche Umfeld, in dem Menschen leben. Erfahrung und Bildung sind wohl die entscheidenden Stichworte.

Der Glaube an Gott ist auch gewiss keine Garantie dafür, dass jemand zu einer besseren Ethik kommt. Beispiele von den Kreuzzügen bis Bin Laden lassen sich genug finden, wo das offensichtlich nicht der Fall ist. Was besser ist? Das entsteht wohl auch in kommunikativer Verhandlung, aber nehmen wir doch einfach mal die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte als Orientierungspunkt (ja, ich weiss, das ist ein eurozentristisches Konzept ....).

Nun gibt es immer wieder auch Studien, die nachweisen wollen, dass die Religion ein Faktor dafür ist, dass Menschen besser oder glücklicher sind. @michalaki hat heute so eine Studie in die Debatte eingeworfen. Manche davon haben für mich ja auch durchaus eine gewisse Plausibilität. Trotzdem bin ich da skeptisch und zwar vor allem deswegen, weil der Begriff "Religion" religionssoziologisch heiss diskutiert ist und es bei solchen empirischen Untersuchungen immer sehr drauf ankommt, welcher Religionsbegriff als Referenz herangezogen wird und wie gefragt wird. Jürgen Habermas hat doch mal was von Erkenntnis und Interesse geschrieben ;-) Jedenfalls glaube ich, dass es selten produktiv ist, solche leicht zu kritisierenden Studien in Diskussionen ins Treffen zu führen, was ja nicht heissen soll, dass Forschung in dieser Richtung nicht sinnvoll und interessant sein kann.

Der Grund der Aufregung ist meistens ja sowieso wo anders zu finden: Zu recht fühlen sich Menschen, die glauben, ihnen würde unterstellt, sie wären, weil sie nicht an Gott glauben, die schlechteren Menschen, nicht gut dabei und regen sich auf. Das würde ich ja auch machen. Mich stimmt nachdenklich, dass das immer wieder auftaucht. Das, was ich oben als notwendige Differenzierung zum Thema Religion und Ethik geschildert habe, ist eine breit getragene Einsicht der (christlichen) Theologie und Philosophie, kein_e ernsthafte_r Theolog_in würde das bestreiten (da gibts aber noch immer genug zu diskutieren, z.B. die Frage, warum es so viel von Menschen produzierten unsagbares Leid auf dieser Welt gibt). Offenbar gelingt es den Kirchen in der Kommunikation ihrer Botschaften nicht, diese Einsicht klar mit zu kommunizieren. Leider. Das deutlicher zu machen, würde vieles vereinfachen.

Religion und Öffentlichkeit

Das zweite Thema, dass ich immer wieder mal auf Twitter und Co. diskutiere, ist die Frage nach Religion und Öffentlichkeit. Zumeist taucht da dann der Stehsatz "Religion ist Privatsache" auf. Diesen halte ich für genauso einen ausgemachten Blödsinn, wie die Rede davon, dass Ethik ohne Religion nicht möglich wäre. Das ist aber eine Erkenntnis, die bei mir sehr lange gedauert hat, noch vor zehn Jahren hätte ich da zugestimmt.

Einige Annäherungen ans Thema mit denen ich das erklären möchte:

"Das Private ist politisch" ist eine grundlegende Einsicht der Frauenbewegung der 1970er. Thema war damals, dass Gewalt gegen Frauen eine öffentliche Sache ist und nicht das Privatproblem der betroffenen Frauen. Menschen leben gesellschaftlich und damit politisch (Polis = die Stadt, der Stadtstaat, das Gemeinwesen). Ob ein Mann seiner Frau daheim in der privaten Wohnung die Hölle bereitet, ist eine öffentliche und politische Angelegenheit. Vor allem, dass da die Gesellschaft einschreiten muss.
Diese Einsicht möchte ich auf die Religion umdenken. Was jemand glaubt oder auch nicht glaubt, hat Einfluss auf ihr/sein Verhalten, ihr/sein gesellschaftliches Leben. Insofern ist der persönliche Glaube nicht nur eine Frage einer persönlichen Überzeugung, sondern Teil eines gemeinsamen gesellschaftlichen Prozesses. Damit kann es zum Gegenstand der Kommunikation der Menschen werden, auch medial.

Religion ist wesentlich mehr als Liturgie und Community-Building innerhalb der Angehörigen der Religionsgemeinschaft. Wie diese Bereiche die einzelnen Religionsgemeinschaften gestalten, müssen auch diese selbst ohne Einflussnahme von außen entscheiden können. Das ist wohl der Kern des Menschenrechts Religionsfreiheit - neben dem, dass jeder und jede öffentlich und frei darüber sprechen kann, was sie/er glaubt ohne deswegen irgendwelchen Repressionen ausgesetzt zu sein. Wie in diesem Rahmen mit Symbolen der Religionen im öffentlichen Raum (Kreuze in den Schulen, Moscheen mit Minaretten, ....) umgegangen wird, das ist öffentlich zu verhandeln. Ich persönlich wünsche mir hier mehr Pluralität und sicher nicht, dass alles, was mir persönlich nicht passt oder gefällt aus dem öffentlichen Raum verbannt wird. In der Differenz entwickeln wir uns weiter!

Religion ist (siehe oben) Teil der Quellen aus denen Menschen ihre Werte beziehen. Das über die Ausgestaltung unserer Bildungssystems - auch eine Werteproduzentin - öffentlich verhandelt werden sollte, wird wohl niemand bestreiten. Genauso verhält es sich auch mit der Religion. Welche Rolle diese in der Gesellschaft spielt, sollte gesellschaftlich verhandelt werden. Das geht ganz gewiss nicht, wenn Religion zur Privatsache erklärt wird.

Der christliche Gottesbegriff ist performativ. Das heisst für mich, dass ich nicht einfach sagen kann "Ich glaube an Gott" und dann ist alles eh so wie immer. Vielmehr ist damit Glauben und Handeln in eins gesetzt. Da kann ich mit dem Gedanken von Antje Schrupp erfahrungsbezogen (!) Gott und "Gutes Leben für alle" synonym zu setzen durchaus was anfangen. Das was damit verbunden ist, lebe ich dann ja nicht alleine zu Hause, sondern wie alle in aller Öffentlichkeit und Kommunikation mit anderen. Auch auf Twitter in 140 Zeichen.

So, Schluss, wissentlich, dass da zwischen den Zeilen wieder mal mehr Fragen als Antworten stecken. Oder?

Vögelchen Flickr CC by-nc Matt Hamm

Reposted bykatholisch katholisch

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