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08:21

Mehr als ein Jahr

Mehr als ein Jahr war ich kaum online. Gestern hatte ich Geburtstag und angesichts der vielen lieben Wünsche auf Facebook habe ich folgendes gepostet:

An meinem letzten Geburtstag konnte ich auf die Facebook-Messages nicht mal reagieren - und auch keine richtige Freude spüren, dass da jemand an mich denkt. Das hat sich geändert und ich weiss, es ist ein großer Schritt für mich: das Wieder-Freuen-Können und das Öffentlichmachen, was Sache ist, warum ich mich so sehr zurückgezogen habe.

Ich möchte der Facebook-Message noch ein Stückchen Theologie hinzufügen. Wer damit nichts anfangen kann, möge es überlesen. Aber für mich ist es so, dass manch religiöse Gehalte etwas viel viel besser auf den Punkt bringen können als alle anderen Worte.


Depressionen. Karfreitag.
Tiefste Verzweiflung. Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?
Innerliches Sterben. Jesus ist auch nicht sofort gestorben, sondern über Stunden elendig verreckt.
Zuschauen wie die Kräutertöpfe am Fensterbrett vertrocknen, aber nicht aufstehen können und ihnen Wasser geben. Kein neues Leben. Keine Hoffnung.
Nicht wissen, ob es ein morgen gibt. Nicht verstehen können.
Nichts mehr machen können. Ausgeliefert. Gedemütigt. Opfer.
Heimlich die Arbeits-Emails noch immer lesen.
Schlechtes Gewissen, dass die Arbeit jetzt die KollegInnen machen müssen.
Ich muss mir auf die Antidepressiva-Schachtel draufschreiben, ob ich die Tabletten schon genommen habe, weil ich mir nicht mal mehr das merken kann.
Wieder sind 900 Menschen im Mittelmeer elendig ersoffen. Mein Gott, warum hast du sie verlassen?
Über Monate lernen, es anzunehmen, dass es so ist.
Ich kann nicht mehr, ich bin krank, ich brauche Hilfe.

Depressionen. Karsamstag.
Ein langer Karsamstag. Ein Jahr lang Karsamstag.
Wissen, dass es immer wieder Karfreitage und Karsamstage in meinem Leben gab und ich diese verdrängt habe und sie mir nicht erlaubt habe. "Es wird schon irgendwie gehen". Jetzt geht es nicht mehr irgendwie.
Körperliche Schmerzen, psychosomatische Symptome, jede Woche andere, alle einschränkend und hemmend.
Keine Gewissheit, alles ist offen.
Gott? Ich weiss nicht. Die anderen sind geliebte Kinder Gottes. Aber ich?
Alles ist von der Vergangenheit determiniert und der Stein ist zu schwer, um wegzurollen.
Vereinzelung. Einsamkeit. Angst vor Menschen und der Wunsch nach Kontakt mit Freund_innen.
Auf der GKK beim Chefarzt im Wartezimmer sitzen und an alles Schlechte dieser Welt denken, damit ich dann möglichst krank ausschaue. Weil ich weiss, ich schaffe es noch nicht wieder zu arbeiten und will wenigstens diesen zeitlichen Freiraum haben, wenn ich sonst schon nichts habe.
Langsam lernen wieder ein bisschen Freude zu empfinden: die Sonne spüren, das Nähen lernen und endlich wieder was mit meinen Händen machen, im Wasser plantschen und mich endlich für zwei Minuten wieder lebendig fühlen.
Doch noch geht nicht alles. Eigentlich nur sehr wenig. Ja, ich habe mir heute was Gutes zum Essen gemacht und es hat mir geschmeckt. Geduld. Geduld. Geduld. Wann endlich? Ich will es doch. Es geht nicht.

Depressionen. Auferstehung.
Nein, sie ist nicht einfach so da, die Auferstehung.
Das Leben ist nie fertig, sondern ein langer Prozess.
Ich möchte mein Leben so leben, dass ich im Moment meines Todes in die Hoffnung der Auferstehung sinken kann.
Ich möchte mein Leben so leben, dass ich jeden Tag diesen Horizont der Aufstehung spüren kann.
Ich möchte mein Leben so leben, dass auch andere Menschen diesen Horizont erahnen können, wenn sie mir begegnen.
Manchmal ist er schon da dieser Horizont der Auferstehung. So wie gestern, wo ich mutig genug war, auf Facebook zu schreiben, was Sache ist mit mir und was mich trägt.
Der Horizont ist da, wenn ich endlich wieder in meinem Körper sein kann, wenn ich Körper bin, wenn ich ganz bin.
Manchmal frage ich mich, warum schon wieder Karfreitag, warum schon wieder Karsamstag? Aber ich kann wenigstens den Schmerz und die Erniedrigung des Karfreitag spüren. Im Spüren-Können wird zwischen all den ungeweinten Tränen etwas sichtbar, was Sinn gibt, was ich Gott nenne.


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PS: Die Kommentare sind deaktiviert, weil ich technisch ein Spam-Problem habe im Blog. Darum mag ich mich aber aktuell nicht kümmern. Falls mir wer Feedback geben mag, möge er_sie einen der anderen Wege nutzen. Ich bin aber sicherlich jetzt nicht ständig wieder online, das ist nicht gut für mich, und es kann mit Antworten etwas dauern.

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Schweinderl